Vegane Singapur-Nudeln

Gut zu wissen!
Das rauchige Aroma von Singapore Noodles aus dem heissen Wok nennt die kantonesische Küche Wok Hei, den «Atem des Woks».

Kaum ein Gericht reist so selbstbewusst unter falschem Namen um die Welt wie diese currygelben Nudeln. In Singapur selbst sucht man sie meistens vergeblich, auf Speisekarten von London bis Zürich stehen sie trotzdem seit Jahrzehnten. Wir haben den Hochstapler entlarvt. Unsere veganen Singapur-Nudeln dürft ihr aber mit gutem Gewissen nachkochen.

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Als ich ein Teenager war, war die Sache mit dem asiatischen Essen schnell erklärt. «Asiatisch» hiess «Chinesisch». Und Chinesisch war das, was im Chinarestaurant auf den Tisch kam. Diese Restaurants waren ziemlich willkürlich über die Schweiz verteilt. Hier eines im Nachbardorf, dann wieder kilometerweit keines. 🇨🇳

Nahaufnahme von gebratenen Reisnudeln mit Curry, knusprigem Tofu und Frühlingszwiebeln

In unserer Gegend gab es so ein Restaurant. Ein- oder zweimal im Jahr gingen meine Mama und ich dort essen. Für mich war das jedes Mal etwas Besonderes. Das Lokal wurde von einer älteren Dame geführt, die uns mit der Zeit kannte. Wenn sie an unseren Tisch kam, um die Bestellung aufzunehmen, schmunzelte sie schon, bevor sie etwas sagte. Zu meiner Mama sagte sie nämlich jedes Mal dasselbe: «Singapore Noodles, wie immer?» Natürlich wie immer. Meine Mama liebte diese Nudeln. 😋

Irgendwann zogen wir weg. Mit den Jahren hielt die asiatische Küche in ihrer ganzen Vielfalt Einzug, von Thai-Restaurants über Sushi-Bars bis zu vietnamesischen Lokalen. Neben so viel Neuem verloren die klassischen Chinarestaurants ihren Glanz und meine Mama ihr Lieblingsgericht aus den Augen. Jahrelang hatte sie keine Singapur-Nudeln mehr gegessen. Bis wir kürzlich per Zufall auf der Karte eines asiatischen Lieferdienstes darüber stolperten. Mama bestellte, ohne zu zögern. 🥡🥢

Vegane Singapur-Nudeln mit Essstäbchen, von oben fotografiert

Nach dem ersten Bissen schauten wir uns an und waren uns einig: Das können wir besser! Also begannen wir zu recherchieren und zu tüfteln. Als wir meiner Mama schliesslich unsere Version servierten, meinte sie, das seien die besten Singapur-Nudeln, die sie je gegessen habe. Die ältere Dame von damals möge es uns verzeihen. 😉

Singapur-Nudeln mit Hongkonger Pass

Wer für das Original nach Singapur reisen möchte, kann sich den Flug sparen. Erfunden wurden die Singapur-Nudeln nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg von kantonesischen Köchen in Hongkong. Das Currypulver kam damals über die Handelswege der britischen Kolonien neu in die südchinesische Küche.

Currygelbe Reisvermicelli mit Tofu auf einem ovalen Teller, daneben Essstäbchen

Zu Hause sind die currygelben Nudeln bis heute in den Cha Chaan Tengs. So heissen die einfachen Hongkonger Teestuben, die in den 1950er- und 1960er-Jahren aufkamen. In der Zeit des industriellen Aufschwungs boten sie der arbeitenden Bevölkerung günstiges Essen, oft mit westlichem Einschlag.

Ein Name als falsche Fährte

In Hongkong heissen die Nudeln wörtlich «gebratene Reisnudeln aus Xingzhou» (星洲炒米), wobei Xingzhou ein alter chinesischer Name für Singapur ist. Singapur steckt also nur im Namen. Auf englischen Karten wird daraus übrigens oft «Singapore Mei Fun», was es nicht besser macht, denn Mei Fun heisst auch bloss Reisnudeln. 🇸🇬

Vegane Singapur-Nudeln mit Tofu auf einem geblümten Teller im Chinarestaurant-Stil

In Hongkong sind solche Namen nichts Ungewöhnliches. In den Cha Chaan Tengs findet man auch Reis nach Yangzhou- oder Fujian-Art. Sogar die Schweiz hat dort ihren Auftritt, als «Swiss Wings» in Sojasauce. Mit unserem Land haben diese Chicken Wings ungefähr so viel zu tun wie die Nudeln mit Singapur. 🇨🇭

Hongkong im Schweizer Chinarestaurant

Zurück zu unserem Chinarestaurant. Die chinesische Küche hatte es in der Schweiz lange nicht eilig. Zwar wurde bereits 1935 ein erstes Lokal in Genf eröffnet, doch für die meisten Menschen hierzulande blieb sie noch über Jahrzehnte unbekanntes Terrain. Als 1958 in Zürich ein Restaurant mit einer Anzeige in der Zeitung um Gäste warb, versprach es ihnen, sie mit chinesischen Gerichten bekannt zu machen. Es nannte sich das erste echte chinesische Restaurant der Stadt. Sein Name war, wie könnte es anders sein, «Hongkong».

Vegane Singapur-Nudeln mit Curry und Frühlingszwiebeln auf einem ovalen Teller

So richtig in Fahrt kam die Sache in den 1960er- und 1970er-Jahren. Nach dem Ende des Vietnamkriegs fanden viele Südchinesen, die in die Schweiz gekommen waren, ihr Auskommen in der Gastronomie. Nach und nach bekam fast jede grössere Ortschaft ihr eigenes Chinarestaurant. Gekocht wurde dort meist kantonesisch, angepasst an den hiesigen Geschmack. Wer damals keine Singapur-Nudeln bestellte, entschied sich meistens für Süss-Sauer. 🍍🫑

Das Chinesisch unserer Jugend kam also fast immer aus dem Süden Chinas. Mit jedem Teller Singapore Noodles bestellten wir, ohne es zu ahnen, ein Stück Hongkonger Teestube.

Vegane Singapur-Nudeln aus dem Wok

Viel mehr als gebratene Reisnudeln mit Curry braucht es für Singapur-Nudeln nicht. Entsprechend schnell sind sie gemacht. Die Basis bilden dünne Reisvermicelli. Sie schmecken neutral und nehmen Farbe und Würze gut auf. Verwechseln solltet ihr sie nicht mit Glasnudeln. Die sehen ähnlich aus, bestehen aber aus Mungbohnenstärke und bleiben auch mit Curry durchsichtig statt goldgelb. Uns ist das beim Tüfteln selbst passiert. Wichtig ist, dass die Nudeln bissfest bleiben und nicht lange herumstehen, sonst kleben sie zusammen.

Vegane Singapur-Nudeln mit knusprigem Tofu und Peperoni im Wok

Currypulver mit Charakter

Ohne Curry keine Singapore Noodles. Das Pulver verleiht dem Gericht Farbe und Duft. Es entfaltet sein volles Aroma erst, wenn es kurz im heissen Öl geröstet wird, weil sich viele Aromastoffe der Gewürze in Fett lösen. Lange darf das nicht dauern, denn Curry verbrennt schnell und wird dann bitter. Mit der Gemüsebouillon wird der Röstvorgang rechtzeitig gestoppt. Aus dem Gewürz entsteht dabei eine glänzende Paste, die sich um die Nudeln legt. Weil die Bouillon genug Salz mitbringt, verzichten wir aufs Nachsalzen. Für das kräftige Gelb sorgt eine Extraportion Kurkuma.

Für die Currynote verwenden wir die Curry-Würzmischung von Nahrin, dem Familienunternehmen aus Sarnen. Die indische Mischung mit Koriander, Kreuzkümmel, Bockshornklee und Senfsamen schmeckt nach richtigem Curry und hat mit den weichgespülten europäischen Varianten aus dem Supermarktregal wenig gemein.

Geschnittene Peperoni, Zwiebeln, Frühlingszwiebeln, Ingwer und Knoblauch für gebratene Reisnudeln mit Curry

Tofu statt Char Siu

Im Hongkonger Original sorgen Char Siu, das süsslich glasierte Schweinefleisch, und Crevetten für die herzhafte Tiefe. In unseren veganen Singapur-Nudeln übernimmt der Tofu beide Rollen. Dafür wird er kurz in einer Marinade aus Sojasauce und etwas Ahornsirup eingelegt. Sie bleibt bewusst dezent, damit das Curry im Vordergrund steht. Der Ahornsirup karamellisiert in der heissen Pfanne und verhilft dem Tofu zu einer goldbraunen Kruste. Diese Röstaromen sind unsere wichtigste Umami-Quelle, Fisch- oder Austernsauce braucht es dafür nicht. Damit die Kruste knusprig bleibt, kommt nur die Marinade in die Pfanne, die am Tofu haftet. Zu den Nudeln stösst er erst ganz am Schluss.

Das Ei, das beim Original oft dazugehört, haben wir weggelassen. Vermisst hat es beim Probeessen niemand. Wer trotzdem nicht darauf verzichten möchte, kann das vegane Rührei aus Seidentofu von unserem Pad See Ew verwenden. Das passt auch zu den Singapur-Nudeln. 🍳🌱

Wok Hei aus der Küchenpfanne

Bleibt noch die Hitze. Das rauchige Aroma, das nur in einem sehr heissen Wok entsteht, wird in der kantonesischen Küche als «Wok Hei» bezeichnet. Ist die Pfanne zu voll oder zu wenig heiss, sammelt sich Flüssigkeit und die Nudeln werden matschig. Weil es danach schnell geht, sollten alle Zutaten geschnitten bereitstehen, bevor ihr den Herd aufdreht. Bei den Frühlingszwiebeln trennen wir Weiss und Grün. Das Weisse wird mit Knoblauch und Ingwer angebraten, das Grüne streuen wir zum Schluss roh als Garnitur darüber.

«Singapore Noodles, wie immer?»

Eigentlich müssten wir dem Lieferdienst eine Dankeskarte schicken. Ohne seine Nudeln hätten wir nie mit dem Tüfteln begonnen. Bestellt wird bei uns seither nicht mehr. Wenn meine Mama zu Besuch kommt, stelle ich ihr inzwischen mit demselben Schmunzeln wie damals im Chinarestaurant die Frage: «Singapore Noodles, wie immer?» Die Antwort kennt ihr ja schon. 😅

Zutaten für vegane Singapur-Nudeln mit Reisvermicelli, Tofu, Nahrin Curry-Würzmischung, Kurkuma, Peperoni und Frühlingszwiebeln
Vegane Singapur-Nudeln mit Tofu
Schneller auf dem Tisch als vom Lieferdienst und besser als im Chinarestaurant. Wir legen mit unseren veganen Singapur-Nudeln und knusprig gebratenem Tofu die currygelben Nudeln von früher neu auf.
Zutaten für4 Portionen
Vorbereitung 15 Minuten
Zubereitung 20 Minuten
Gesamtzeit 35 Minuten

Das brauchts

Für den Tofu

Für die Nudeln

So wirds gemacht

Tofu

  • Tofu trocken tupfen und in schmale Streifen schneiden
  • Sojasauce mit Ahornsirup verrühren und den Tofu darin wenden
  • 2 EL Öl in einem Wok stark erhitzen und den Tofu darin in einer Lage anbraten, ohne ihn zu bewegen, bis er unten goldbraun ist
  • Tofu wenden und rundum knusprig braten, aus dem Wok nehmen und beiseitestellen

Nudeln

  • Curry-Würzmischung und Kurkuma in einer kleinen Schüssel mischen
  • Knoblauch und Ingwer schälen und fein hacken
  • Zwiebel schälen und in feine Streifen schneiden, Peperoni entkernen und in feine Streifen schneiden
  • Frühlingszwiebeln waschen, das Weisse grob hacken und das Grüne in Ringe schneiden
  • Reisvermicelli in einer grossen Schüssel mit heissem Wasser bedecken und ca. 4-6 Min ziehen lassen, bis sie biegsam, aber noch bissfest sind
  • Reisvermicelli abgiessen, kalt abspülen, gut abtropfen lassen und mit einer Gabel auflockern
  • 3 EL Öl im Wok stark erhitzen, Knoblauch, Ingwer und das Weisse der Frühlingszwiebeln darin ca. 20 Sek anbraten
  • Zwiebel dazugeben und ca. 1 Min mitbraten
  • Curry-Kurkuma-Mischung dazugeben und ca. 30 Sek mitrösten, bis sie duftet, sofort mit der Gemüsebouillon ablöschen
  • Peperoni dazugeben und bei grosser Hitze ca. 1 Min mitbraten
  • Reisvermicelli dazugeben und zügig durchheben, bis sie gleichmässig currygelb sind
  • Gebratenen Tofu dazugeben und kurz unterheben
  • Singapur-Nudeln auf Tellern anrichten, mit dem Grünen der Frühlingszwiebeln garnieren und sofort servieren

Tipp!

  • Wickle den Tofu vor dem Schneiden in ein Küchentuch und beschwere ihn ca. 15 Minuten. So verliert er Wasser und wird besonders knusprig.
  • Lass die übrige Marinade in der Schüssel, denn zu viel Flüssigkeit in der Pfanne macht den Tofu weich.
  • Wenn du es milder magst, nimm zuerst nur 1 EL Curry-Würzmischung und würze am Schluss bei Bedarf nach.
  • Achte beim Einkauf darauf, Reisvermicelli und nicht Glasnudeln zu kaufen. Glasnudeln bleiben durchsichtig und nehmen die gelbe Farbe des Currys kaum an.
  • Weiche die Reisvermicelli erst ein, wenn alles andere geschnitten ist. Sonst kleben sie zusammen, bevor sie in den Wok kommen.
  • Wenn dein Wok eher klein ist, brate die Nudeln in zwei Etappen, damit sie braten statt dünsten.
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Vegane Singapur-Nudeln auf einem Teller neben der Nahrin Curry-Würzmischung

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